Filmtest August - Wolke 9

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Inhalt:
Inge (Ursula Werner) und Werner (Horst Rehberg) sind schon seit 30 Jahren verheiratet, sie ist Mitte Sechzig, er jenseits der Siebzig. Die Ehe und das Leben miteinander sind routiniert und etwas langweilig, aber was will man nach so vielen Jahren noch erwarten. Doch dann passiert es: Inge trifft den 76-jährigen Karl (Horst Westphal) und verliebt sich in ihn. Es ist Leidernschaft, es ist Sex. Dass ihr das noch einmal passiert , hätte sie nicht gedacht. Sie genießt die neue Liebe und fühlt sich wie ein verliebter Teenager. Ihre Ehe hält dies nicht aus...

Kritik:
Der neue Film „Wolke 9“ von Andreas Dresen erhielt nach der Weltpremiere in Cannes minutenlang Standing Ovations und erntete viel Kritikerlob, sowohl national wie auch international. Er erhielt bei der Preisverleihung von Cannes den Preis „Coup de Coeur“ und startet am 04. September in den deutschen Kinos. Der Regisseur Andreas Dresen wollte einen Film über „Liebe im Alter“ drehen. Es ging ihm um Erotik, Leidenschaft, verliebte Gefühle, Authentizität auf der Leinwand und nicht wie sonst darum, alte Menschen zu zeigen, die sich in verniedlichter, putziger Form verlieben dürfen. Er versucht dies mit einem radikalen Erzählstil und einer dokumentarischen Herangehensweise umzusetzen, wo der Fokus nicht auf Voyeurismus gelegt ist. Es geht um einfache Leute, die vom Leben gezeichnet sind. Deren Bedürfnisse nach Liebe und die Lust auf Sex hören auch im Alter nicht auf. Doch es geht auch um Nacktheit. Der Zuschauer wird bereits nach fünf Minuten mit der ersten Sexszene zwischen Inge und Karl überrumpelt. Ein erster ungewohnter Moment. Die Szenen sind nicht retuschiert, im Dunkeln oder die Körper unter der Bettdecke versteckt. Nein, stattdessen sind die Szenen im Hellen, man sieht die unverhüllten Körper der Protagonisten in Nahaufnahme, aber auch immer mit einer gewissen Distanz aus der Halbtotalen, damit sich der Zuschauer auch einiges vorstellen kann und diese Szenen nicht in den Voyeurismus abgleiten. Andreas Dresen war es wichtig, dass die Liebesakte würdevoll, aber auch ungeschönt dargestellt werden. Dies gelingt ihm sehr gut. Der Film kommt auch wunderbar ohne untermauerende Filmmusik aus, eher geht es um die Geräusche und die Intensität der Bilder. Die neue Liebe zwischen Karl und Inge wird durch Sonne, Natur, Tiergeräusche, Regen und Tanz intensiviert, als würden diese Bilder die neue Lebendigkeit von Inge untermalen, die mit sehnsüchtigen Blicken ihren Karl verliebt ansieht. Währenddessen wirkt die Wohnung von Inge und Werner beengend, dunkel und trostlos, als wäre klar, dass beide auf einen baldigen, gemeinsamen Lebensabend hinsteuern... Ebenfalls findet man viele symbolhaltige Momente im Film wie zum Beispiel der ständig wiederkehrende vorbei rauschende Zug als Symbol für das schnell vorbei fliegende Leben. Doch es geht auch um Schmerz. Werner, der nach 30 Jahren verlassen wird, hat nicht mehr den Mut oder auch die Zeit, eine neue Liebe zu finden. Ihm wird bewusst, das man sich nie zu sicher fühlen sollte. Unglücklich und allein blickt er seinem Lebensabend entgegen.... Entscheidend im Film ist aber das Ohnmachtsgefühl von Inge, die nicht weiß, was sie tun soll. Ihre Tochter rät ihr, ihre Affäre mit Karl zu genießen und zu schweigen, doch das kann Inge nach so langer Vertrautheit mit Werner nicht. Sie schreit ihren Schmerz heraus, der durch ihre Verwirrtheit, Sehnsucht und ihre Unentschlossenheit gezeichnet ist. Doch sie entscheidet sich nach langem Kampf mit sich selber vollen Herzens für Karl und verlässt ihren Ehemann. Sie ist sich bewußt, was für Konsequenzen dies nach sich ziehen kann... Ein sehr mutiger Film, der versucht, den Schritt weiter zu gehen und von der Liebe im Alter und auch dem Schmerz zu erzählen. Es gibt gut inszenierte Rollen, die mit hoher Emotionalität und Glaubwürdigkeit die Thematik umsetzen. Die Gefühle wirken durch das ständige Zoomen auf die Gesichter der Charaktere sehr authentisch und absolut nachvollziehbar. Ein sehenswerter Film!

Punkte:

Autor: Christina Theodoridou