Reportage - Filmfest München 2008 - Ein Wochenbericht

Es ist Freitagabend, im Münchner Mathäser Kino wird der Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfests gezeigt. Es ist „Die Klasse“ des Regisseurs Laurent Cantet, Cannes-Gewinner und zugleich der erste von 237 Filmen, die in der kommenden Woche gezeigt werden. Im Anschluss an die Vorführung lädt der bayerische Minister Präsident Günther Beckstein, vertreten durch den bayerischen Staatssekretär der Finanzen Georg Fahrenschon, zum traditionellen Empfang in das Münchner Künstlerhaus. Es ist wie immer voll, das Essen eher knapp bemessen für so viele Gäste - es bilden sich Menschentrauben vor den Küchenausgängen. Hinzu kommt eine nahezu unerträgliche Hitze - zum Glück hat man mitgedacht und im Aussenbereich einen Eisstand aufgebaut. Irgendwann in den Morgenstunden ist dieser erste Filmfesttag überstanden und man tritt ein wenig hungrig den Heimweg an.
Zweiter Tag, Samstag, 11 Uhr: Die ersten Interviewtermine stehen an. Es ist immer noch heiß, wenn nicht sogar noch wärmer als am Tag zuvor. Neele Leana Vollmar, Katharina Schubert und Oliver Stokowski stellen den Film „Friedliche Zeiten“ vor und sprechen über Dreharbeiten, die DDR und diesen wirklich sehr gelungenen Film. Danach bleiben ein paar Stunden, bis es zur nächsten Veranstaltung geht. Roland Suso Richter, Dennis Gansel, Oskar Röhler, Roland Leyer und Peter Thorwarth laden zusammen mit Tele 5 zu „Wir lieben Kino - Director‘s Cut“ auf die Praterinsel ein. Eine wirklich tolle Location und eine sehr schöne Veranstaltung. Man hat sogar an die gestressten Filmfest-Gäste gedacht und bietet Massagen an. Viele bekannte Gesichter folgten der Einladung, darunter auch ein paar Nominierte des diesjährigen KS Media Awards, wie zum Beispiel das Traumpaar des Abends: Dennis Gansel und Jennifer Ulrich. Glücklicherweise muss an diesem Abend auch niemand verhungern, denn Praterinsel- Koch Renato Martino verwöhnt seine Gäste mit Jakobsmuscheln im Speckmantel, asiatischem Nudelsalat und vielen anderen Leckereien. Man ist sich einig: Dieses Event ist das bisherige Highlight des Filmfests.
Dritter Tag, Sonntag, 10 Uhr: Die erste Pressevorführung von Marcus H. Rosenmüllers neuestem Film „Räuber Kneißl“ findet im MaxX Kino am Isartor statt. Ein Blick ins Publikum verrät, dass es wohl auch bei vielen anderen am Tag zuvor sehr spät geworden ist. Der Film ist ganz nett, aber kommt nicht an Rosenmüllers Erfolgsfilme heran. Im Anschluss daran kommt gleich der nächste Film: „Die Entdeckung der Currywurst“. Die Verfilmung der gleichnamigen Novelle ist durchaus amüsant und man wird allmählich auch wieder wach. Das ist auch gut so, denn schon wenige Stunden später beginnt die nächste Veranstaltung: Die Verleihung des VFF TV Movie Awards im Gasteig und im Anschluss daran die zugehörige Party im Café Atlas. Die Gästeliste der Verleihung war ein totales Chaos. Man hat sehr viel mehr Personen auf die Liste gesetzt als eigentlich in den Saal hineinpassen haben. Ein überfüllter Saal, keine freien Sitzplätze - das kann man sich bei dieser Hitze nicht antun und geht deshalb erst einmal etwas essen. Im Anschluss daran dann ein kurzer Besuch der After-Show-Party im Café Atlas - viel zu voll, viel zu warm.
Vierter Tag, Montag, ein etwas ruhigerer Tag. Um 17 Uhr der italienische Erfolgsfilm „Il Divo“ über den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti - sehr interessant und man kann verstehen, warum Andreotti bei der Sichtung dieses Films einen seiner seltenen Wutanfälle bekommen hat. Etwas später am Abend dann ein echter Klassiker auf der Open Air Leinwand im Gasteig Innenhof: Martin Scorseses „Casino“ mit Robert De Niro, Joe Pesci und Sharon Stone. Gleich im Anschluss daran „Unter Kontrolle“ im Rio Filmpalast. Der Film von David Lynchs Tochter Jennifer ist leider nicht spannend genug, um seine Zuschauer zu so später Stunde wach zu halten. Eine ausführliche Bewertung entfällt deshalb an dieser Stelle.
Fünfter Tag, Dienstag, 12 Uhr. Die erste Vorführung von Francis Ford Coppolas neuem Werk „Jugend ohne Jugend“ mit Tim Roth, Bruno Ganz und Alexandra Maria Lara. Eine sehr interessante Vorführung, denn die Hälfte des Publikums fand den Film abgrundtief schlecht, während ihn die andere Hälfte interessant fand. Danach ein paar Stunden Pause, bis abends dann ein Event stattfindet, das versucht den Samstag zu übertreffen: Die Verleihung des Shocking Shorts Awards in der Oberfinanzdirektion München. Nun ja, die Locationwahl ist sehr gut und zugleich exklusiv, denn zuvor wurde noch niemandem gestattet hier zu feiern. Man hat die Räumlichkeiten zu einer regelrechten Mafiahochburg umgestaltet. Allerdings war mir zuvor nicht bekannt, dass die Mafiosi so wenig Platz für so viele Menschen haben. Aber man möchte sich ja nicht schon wieder beschweren, denn das ist auch schon der einzige Kritikpunkt des Abends. Bis in die frühen Morgenstunden konnte man sich hier sogar seine Pizza selbst zusammenstellen und dann vom Pizzabäcker zubereiten lassen. Und dann gab es natürlich auch noch einen Gewinner des Awards: Nico Zingelmann konnte die prominent besetzte Jury mit seinem Werk „15 Minuten“ überzeugen. Das ermöglicht ihm nun die Teilnahme am „Universal Studios Filmmasters Program“ in Hollywood, an dem auch schon der erste Shocking Short Award Gewinner und inzwischen auch Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck teilgenommen hat.
Sechster Tag, Mittwoch, 14 Uhr. Interviewtermin mit Stephen Walker, dessen Film „Young@Heart“ weltweit das Publikum berührt. Es geht um ältere Menschen ab 60 aufwärts, die in einem Chor singen, der so erfolgreich ist, dass er schon auf der ganzen Welt vor ausverkauften Sälen aufgetreten ist. Wir sprechen über den Chor, das Leben Älterer und den Tod. Ein paar Stunden später dann ein echter Hollywood-Film mit Robert De Niro, Bruce Willis, Sean Penn und Stanley Tucci. Es geht um einen Hollywoodproduzenten, der es mit einem eher schwierigen Film zu tun hat. „What just happened“ ist allerdings auch eher einschläfernde Kinokost - da hätte man mehr erwartet. Gleich im Anschluss daran findet eine gute, alte Filmfest-Tradition statt: Der Empfang des Italienischen Instituts für Außenhandel im Bernstein auf der Museumsinsel. Es gibt wie immer sehr gutes Essen und interessante Gespräche.
Siebter Tag, Donnerstag, 15 Uhr. Interviewtermin mit Alexandra Maria Lara. Wir sprechen über ihre Rolle in Francis Ford Coppolas neuem Film „Jugend ohne Jugend“. Über Jugend, Sprachen und den großen Regie-Meister. Gleich im Anschluss geht es wieder ins Kino. „Married Life“ von Ira Sachs mit Pierce Brosnan, Chris Cooper und einigen anderen. Ein recht amüsanter Film über einen Mann, der seine Frau umbringen möchte, weil er eine andere liebt und denkt, dass eine Scheidung zu schmerzhaft für seine Ehefrau wäre.
Achter Tag, Freitag, 11 Uhr. Interviewtermin mit Ira Sachs. Wir sprechen über seinen neuen Film „Married Life“, Pierce Brosnan und zwischenmenschliche Beziehungen. Danach neigt sich das Filmfest langsam dem Ende zu. Man hat wieder einige interessante Filme gesehen, spannende Menschen kennen gelernt und ein paar Partynächte durchgemacht. Es gab wenig Schlaf, aber es hat sich auch gelohnt. Eine echte Marathon-Woche auf die sich wohl alle auch im nächsten Jahr wieder freuen werden.



Autor: Daniel Fürg