Kolumne vom 19.11.2008
Liebe Leser,
schon Wochen bevor die European Music Awards in München tatsächlich stattfanden, konnte man jede Menge Klatsch und Tratsch über das internationale Event hören. Von gecasteten Schreihälsen in den ersten Reihen, damit das Publikum stimmt, bis zu Gerüchten über neue Straftaten von Snoop Dogg, dem millionenschweren Rapper und Moderator des Abends, war alles dabei. Für perfekte Publicity hat MTV Snoop Dogg in Lederhosen gesteckt, ihm zwei Mädchen in seine Arme gelegt und diesem Bild den Slogan „Our Kind of Volksmusik“ verpasst. Eine gute Idee, denn was entspricht denn mehr dem Stereotyp eines Bayers, der jeden Tag in Lederhosen seine Weißwurscht mit ein paar Bier verzehrt?! Aber leider hat MTV bei der Planung dieses großen Abends vergessen, dass die Bayern auch ein sehr katholisches Volk ist, mit dem nicht zu spaßen ist, wenn einer ihrer wichtigsten Feiertage nur zum Feiern verwendet werden soll. Auch wenn es Feiertag heißt, an Allerheiligen gedenken die Katholiken Verstorbenen und betreiben Grabpflege. In den Augen der Kirche darf man solche Tage nicht mit MTV‘s großer Party entweihen. Doch die Stadt München hat dem ewig jungbleibenden Musiksender zu dessen Glück die Awards an dem gewünschten Tag gestattet. Um es mit der Kirche auch noch grade zu biegen, hat die Stadt noch schnell am Donnerstagvormittag eine kurzfristige Pressekonferenz einberufen. Bei einer internationalen Veranstaltung dieser Größenordnung sei es – bei aller Heiligkeit der Allerheiligen in Ehren – durchaus in Ordnung, eine Ausnahme zu machen. International waren die Awards wirklich: in 169 Länder wurde das Spektakel übertragen und Stars aus den verschiedensten Ländern waren vertreten. Die Preisübergaben überschlugen sich schon fast, aber wurden zum Glück durch ein paar interessante Dankesreden aufgepeppt. Nelly Furtado sagte bei der Übergabe ihres Preises für ‚Album des Jahres‘: “Ich weine immer, vielleicht weil ich Mutter bin.” Danke, Nelly, du hast allen Müttern und denjenigen, die es noch werden wollen, aus dem Herzen gesprochen. Endlich sagt mal jemand, was Sache ist! Da konnte Snoop Dogg als Moderator nur schwer mithalten. Vielleicht missglückten ein paar seiner Versuche, die Show besser zu verkaufen, als sie ist, weil er seine Lederhose nicht mit Leib und Seele getragen hat? So eine Lederhose ist nämlich mehr als nur ein Kleidungsstück, Tracht ist ein Teil von deiner Lebenseinstellung! Amy Winehouse hat nicht nur sprachlos auf der Bühne ‚geglänzt‘, als ihr ein Preis überreicht wurde, auch bei ihrem musikalischen Auftritt war sie nicht ganz bei der Sache. Es könnte natürlich gut sein, dass Bill Kaulitz von Tokyo Hotel ihr einen Schreck verpasst hat: Auch seine Frisur scheint sich immer höher gen Himmel zu türmen, was für Amys tupiertes Haar eindeutig Konkurrenz bedeutet. Neben dem ganzen Starauflauf in der bayerischen Hauptstadt, der vielen Normalbürgern eher verborgen blieb, war es doch auch möglich im Namen von MTV Parties zu feiern. In den diversesten Clubs wurde auf das Wohl der Musiker angestoßen, die am meisten Fanpflege betreiben (und, wer hätte es gedacht, auch diejenigen waren, die Preise eingeheimst haben!) und darüber debattiert, ob Dave Grohl von den Foo Fighters das Tischtennistunier gegen Boris Becker wohl gewonnen hätte oder nicht. Leider wird diese Frage erstmal offen bleiben, denn obwohl Grohl die deutsche Tennisgröße während der Show herausforderte, hat sich MTV weiterhin nur auf das Preiseverteilen beschränkt. Vergesst doch jetzt mal die ganzen Stars und Tischtennistuniere dieser Welt: Am Ende sollte doch nur eins zählen: Our Kind of Volksmusik!
Viele Grüße
Carla Palleis
Autor: Carla Palleis