Kolumne vom 19.04.2008

Liebe Leser,

nur noch wenige Tage bis zu der Verleihung des deutschen Filmpreises. Es ist der höchst dotierte Preis für deutsche Filme, doch „Massenhysterie“ vor der Verleihung bricht nicht aus. Was fehlt denn den Deutschen, was die Amis haben? Schon Monate vor den Oscars wird gerätselt, wer wohl nominiert wird. Gefühle all möglicher Art sind vorprogrammiert. Entrüstung, Enttäuschung, Verwunderung, Glückseligkeit, Wut! Selbst Filmlaien lassen sich von der Überpräsenz der Oscars in den Medien weltweit einlullen und finden sich – schneller als man denkt – in wilden Diskussionen wieder, ob denn die Nominierungen auch gerechtfertigt seien. Und wenn einem die Filme nicht gefallen, macht das auch nichts, man kann wenigstens noch auf die Garderobe der Stars auf dem roten Teppich hoffen. Höhepunkt am eigentlichen Abend sind natürlich die herzergreifenden Reden der Gewinner, die jedem Zuschauer Tränen in die Augen schießen lassen, denn der schmachtenden Musik in A-Moll auf dem Klavier im Hintergrund kann sich keiner entziehen. Plötzlich wird es sympathisch, wenn Künstler sich in ihrer Dankesrede auf Gott berufen: „Gott unterstützt mich. Gott hat mich hierher gebracht.“ Das klingt ja alles nett und gut, aber Gott hat es wohl selbst nicht so mit der Nächstenliebe. Offensichtlich hat er ja nur einen Künstler unterstützt, aber wo bleiben die anderen, die mit leeren Händen wieder nach Hause gehen müssen? Was passiert mit denen, die er nicht ‚hierher‘ gebracht hat? In Deutschland geht es genauso zu, nur ein Film in jeder Kategorie hat die Chance auf den Preis. Eigentlich müssten die Deutschen total scharf auf die Verleihung sein, wenn man bedenkt, dass bei den Oscars nur ein einziger ausländischer Film einen Preis einheimsen kann, während der deutsche Filmpreis sich großzügig rein national orientiert. Vielleicht spannen sich bei den Deutschen insgeheim auch schon langsam die Muskeln an, um rechtzeitig im Freudentanz um den Fernseher hüpfen zu können, wenn am 25. April die Verleihung stattfindet. Es gibt keinen Grund deutsche Filme zu verstecken und sich lieber auf Hollywood zu verlassen. Den Beweis liefern schon allein die Nominierungen für den besten Film. Von der deutschen Interpretation von ‚Der Welle‘ mit Held Jürgen Vogel bis zu der Komödie ‚Shoppen‘ über Speeddating ist alles dabei. Aber zu viel sollte gar nicht verraten werden, damit die Spannung noch ein bisschen bestehen bleibt.

Viele Grüße
Carla Palleis



Autor: Carla Palleis